Die Bipolare Störung
Manisch-depressive Krankheit
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Als manisch-depressiv Kranke leiden wir häufig unter dem mangelnden Verständnis unserer Umgebung und haben oft Mühe dies auszudrücken. In der depressiven Phase schlucken wir vieles, das wir eigentlich lieber ausspucken möchten. Wir sind sind voller Schuldgefühle ob wahrer oder vermuteter Ungerechtigkeiten, aber auch wegen der Worte und Taten, die während unserer manischer Phasen geschahen. Auch wenn unsere Stimmung durch geeignete Medikamente "stabilisiert" wird, bleibt ein Gefühlsdefizit zurück. Die nachfolgenden Sätze wurden während einer schweren Depression geschrieben, sind also "verfärbt". Sie geben vielleicht aber einen kleinen Einblick in die


Brief an meine verletzte Seele

Lange schon wollte ich Dir schreiben, mich erklären für viele Ungereimtheiten, die uns betrafen. Oft hatte ich versucht, meine Gedanken in Worte zu fassen, doch gelang es mir nicht. So nutze ich diese Tage und Wochen der Depression, Dir eine Erklärung zu geben für all die vielen Fragen, die Du hinsichtlich meines Benehmens vielleicht hast. Wo soll ich nur anfangen? Wie soll Dir mein Verstand das schildern, das ich selbst immer wieder zu verdrängen suche.

Wie Du weißt, war meine Kindheit nicht besonders einfach zu leben. Geboren im Krieg, mit sechs Jahren in ein fremdes Land gekommen, bei Tante und Onkel, die mir nie Ersatz für meine toten Eltern geben konnten, habe ich vielleicht nie jene Liebe erfahren können, die ich im Innersten so sehnlich erhofft habe. Schon früh floh ich in Scheinwelten, baute mir eine nur mir erschließbare illusionäre Umgebung auf, die ich nur ungern verließ. In dieser parallelen Welt konnte ich mich zurückziehen, wenn man Forderung an mich stellte, denen ich mich gewachsen fühlte. Ich wollte sogar einmal Polizist werden, da ich darin jene Macht verkörpert sah, die mir Schutz vor meiner feindlich empfundenen Umgebung verlieh. Ich erkannte schon früh die Ungerechtigkeiten dieser Welt und hoffte mich durch die Flucht nach innen vor ihnen verstecken zu können. Wie sehr hatte ich diese Höhlen geliebt, aus denen ich dann jäh herausgerissen wurde, wenn mich meine Umgebung mit der Wirklichkeit zu konfrontieren verstand.

Irgendwie haben mich diese Scheinwelten bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Je mehr ich mich mit meiner realen Umwelt nicht mehr einig wusste, desto mehr flüchtete ich mich in die Illusion des Machbaren. Diese parallelen Welten wurden zu Fluchtpunkten meines Lebens, in denen ich schalten und walten konnte, wie es mir richtig erschien. Meine Umgebung spürte dies kaum, denn ich hatte verstanden sie mit leicht Nachvollziehbarem zu tarnen, ihnen neue, interessante Namen zu geben. Sie wurden zu Identitäten, deren Wahrheitsgehalt sich nur mir selbst erschloss. Ich hatte gelernt mit meiner Umgebung zu spielen, sie durch phantasievolle Argumente zu täuschen, nicht erkennend, dass ich mich unbemerkt in den Kreis der Getäuschten eingebunden hatte. Diese Welt des inneren Rückzugs war es, die mich immer mehr von meiner Umwelt abkapselte. Äußerlich war mir dies kaum anzumerken. Menschliche Distanz ist heute wieder gefragt. Wer will sich schon seinem Nächsten öffnen und dann Gefahr laufen innerlich verletzt zu werden?

So sind viele Jahrzehnte ins Land gegangen. Ich bin alt geworden, weit entfernt von jener Weisheit, welche die Jahre eigentlich bringen könnten. Die Einsamkeit, die mich heute umgibt, habe ich nicht selbst gesucht, doch ich tat wenig, um sie zu verhindern. Viele Jahre habe ich gebraucht, bis ich den Grund fand, weshalb meine inneren Schwankungen so unvermittelt mein ganzes Selbst in Beschlag nahmen, meine Kontrolle der Höhen und Tiefen meines Lebens vereinnahmten, als gehöre ihnen mein Ich. Eine Betroffene war es, die mir einmal unvermittelt die Diagnose ins Gesicht warf: Manisch-depressiv. Wie war dies möglich geworden, hatte ich doch Ärzte und Psychiater und Psychologen nach meinem Leiden befragt. Sie fanden Dutzende von Erklärungen, doch ihre Therapie hatte nie gegriffen. Je mehr ich mich vom realen Leben entfernte, desto tiefer verstrickte sich mein Geist in jene irreale Welt, die mir in meiner Kindheit vermeintlichen Schutz gegeben hatte. Mein Empfinden für die Ungerechtigkeiten dieser Welt hatte sich durch meinen Beruf und meinen Wissensdurst geschärft. Ich fand Tausende von Gründen, weshalb wir so und nicht anders leben sollten. Mein Weg führte mich über eine steile Karriere in der Wirtschaft, nach einer Flucht auf Land, in den Journalismus, in die Religion und deren Exponenten, von denen ich einiges Leid erfahren musste, nebst wundervollen Erlebnissen von echter Heiligkeit und religiöser Erfahrung. All dies brachte mich aber nicht von meiner Scheinwelt weg, die mir auch auf diesem Abschnitt meines Lebens Hort der Flucht blieb.

Wenn ich Dir, meine liebe Seele, nun schreibe, so möchte ich Dir nicht neue Gründe aufzeigen, sondern mit Dir einen Vertrag schließen, einen Vertrag zu neuem Leben. Wie sehr habe ich Dich vernachlässigt. Wie oft verdrängte ich Deine ungestüme Botschaft, wenn Du mich riefst, von meinem Irrweg abzulassen. Deine Stimme war es, die mich immer wieder in die Wirklichkeit zurückrief. Ich traute Dir aber nicht. Zu sehr war mein ganzes Ich damit beschäftigt, meiner Umgebung ein Scheinbild von mir vorzugaukeln, das meinem echten Ich gar nicht entsprach. Ich wollte auch dann noch selbst gemachten Erfolg vorweisen, als mich das Schicksal schon längst in die Rolle des Verlierers gedrängt hatte. Mein Geschick brachte es fertig, meiner Umwelt ein Bild von mir zu vermitteln, das ich selbst zusammengeflickt hatte und das einem Selbst entsprach, das man eigentlich von mir gar nicht erwartete. Mag sein, dass mich meine Erziehung auf Erfolg getrimmt hatte. Warum hörte ich aber nicht auf die Stimme meines Herzens, als meine künstliche Welt immer wieder einzufallen drohte?

Wie einfach ist es für mich jetzt, in dieser depressiven Phase, ein demütiges Weltbild zu zeichnen. Wie werde ich in meiner nächsten manischen Phase reagieren? Werde ich wieder künstliche Welten bauen, in denen ich meiner Umgebung Leistung und Erfolg vorgaukle? Wird es mir je gelingen, ein Mensch zu werden, der sich in Demut jener Natur beugt, die ihm zutiefst eigen ist?

„Des Menschen Ziel ist Demut“ hatte ich 1981 in mein damaliges Tagebuch geschrieben. Wie wenig wusste ich damals von echter Demut. Verwechselte ich sie nicht mit erlebter Demütigung? Zum „Mut zur Demut“ hatte uns Professor Max Thürkauf in seinen Vorlesungen aufgerufen. Ich verstand ihn zu jener Zeit nicht wirklich und auch heute, zwanzig Jahre später, blieb mir dieser Begriff eine Worthülse, deren Bedeutung ich nur in wenigen, lichten Momenten meines Daseins zu erkennen schien. Viele Geschichten von Heiligen habe ich gelesen, heiligmässige Menschen habe ich kennen gelernt, doch scheine ich in dieser Hinsicht nicht besonders lernfähig zu sein.

Wäre es möglich, dass Demut im Innersten unseres Seins zu beginnen hat? Könnte es sein, dass diese besondere Tugend nur dann zur Wirkung gelangt, wenn wir uns mit Mut darauf einlassen, alles loszulassen, was uns an scheinheiligem Denken und Tun gefangen hält? Bei mir wären es also die Scheinwelten, meine Rückzugskammern, die ich tüchtig ausräumen müsste, damit ich dieser erstrebenswerten Tugend endlich Raum verschaffen könnte. Diese Kammern sind aber noch überfüllt mit lieb gewonnenen Illusionen und irrealen Hoffnungen, deren Unmöglichkeit der Verwirklichung ich schon längst erkannt habe. Jede manische Phase gab mir wieder die irrige Kraft sie von Neuem hervorzuholen. Längst habe ich erkannt, dass sie einer Scheinwelt entstammten, doch wem wollte ich es gestehen, dass dies so war. Ich betrog mich in dieser Situation in erster Linie selbst, mir einredend, dass mein Umfeld mich daran hinderte, mich selbst zu verwirklichen. Ach welch lustbetonte Lüge ich mir da aufgetischt hatte, zutiefst überzeugt, dass es dieses Mal klappen wird.

Eigentlich hätte ich es schon längst erkennen müssen, dieses Spiel mit kunstvoll versteckten Lügen. Sicher gaben sie mich in vielen Lebenslagen die Illusion, meine Umgebung merke es nicht. Meine Reisen in alle Teile der Welt, meine mit geschickt kaschierte Hektik, meine Argumente, die in Tat und Wahrheit keine waren, sollten mir und meinen in der ganzen Welt verstreuten Freunden einen ein Engagement vortäuschen, das längst zum leeren Aktivismus verkommen war. Wie sollte ich meiner Umgebung die wahren Gründe meiner Unrast darlegen, wenn ich mich in ihr selbst schon heillos verstrickt hatte?

Dir, liebe Seele, möchte ich dies alles beichten, in der Hoffnung, dass Du in meinem Innersten mich noch zu hören vermagst. Die Tage gehen jetzt nur langsam dahin. Wenig Kraft habe ich, den Alltag zu bewältigen. Wenige Stunden Schlaf finde ich in der Nacht. Wenn ich aufwache, dann packt mich die Wirklichkeit in ihrer schmerzlichsten Form. Ich erinnere mich an meine Exzesse der letzten Monate, an Menschen, die ich durch mein aggressives Verhalten mündlich und schriftlich verletzt habe. Zwar erkenne ich, dass ich mich dabei meist für Verletzungen und Demütigungen rächen wollte, die mir zugefügt wurden. Doch warum war ich in meinen Worten so hart? Warum vergaß ich dabei die Dankbarkeit für früher erfahrene Hilfe? Es ist ein tragisches Merkmal dieser Krankheit, deren Heftigkeit ich nie zu steuern vermochte, besonders dann nicht, wenn ich es nicht mehr nötig fand, meine Medikamente zu nehmen.

Vielleicht tue ich mich schwer, alleine und ohne kompetente Begleitung diesen Weg in der Krankheit zu gehen. Kaum erhalte ich Rückmeldungen meiner Umgebung über mein tägliches Verhalten. Fühle ich mich besser, so fliehe ich irgendwohin. Überkommt mich meine Depression, dann ziehe ich mich an Orte zurück, wo ich mich sicher und unbehelligt fühle. Längst habe ich es aufgegeben, meiner Umgebung von meiner Trübsal zu berichten. Die wohlgemeinten Worte des Aufmunterns habe ich satt. Sie zeigen mir allzu deutlich, dass ich in diesen Phasen der Trauer nur wenig Verständnis von meiner Umgebung erwarten darf. Fast scheint es mir, als sei die Depression eine Form von Pestilenz oder Aussatz, vor deren Ansteckung Menschen sich fürchten können. So schauspielre ich die Minuten fremder Begegnung. Ziehe mich dann schleunigst wieder in meine vertraute Wohnlichkeit zurück.  Wie oft musste ich dann aber erfahren, dass mich Menschen in dieser Phase meiner Krankheit eher liebten, als während meinen Höhenflügen, in denen ich mich so wohl und beschwingt fühlte. Was kümmerte mich dann die Kritik meiner Umgebung, war ich ihr doch haushoch überlegen, wissend um Dinge dieser Welt, von denen sie kaum zu träumen wagten. Dieses Gefühl des Abgehobenseins war es, das ich in meiner Depression oft so sehr zurücksehnte. Längst schon hatte ich erkannt, dass die Manie mich bald wieder in brutaler Form loslassen würde, mit den mir bekannten Schmerzen. Doch wer fliegt denkt kaum an den unausbleiblichen Fall. 

Viele Worte habe ich nun geschrieben, um Dir vom Kopf her zu sagen, was mir bisher nicht auszudrücken gelang. Wie sehr möchte ich mich mit Dir aussöhnen, meine liebe Seele, zu mir ich so selten vorzudringen gelang. Wie oft habe ich Dir Wirklichkeiten vorgespielt, die keine waren. Wie oft habe ich Dich zu täuschen versucht, in der irrigen Meinung, dass die Sprache des Herzens die Gleiche sei, wie die des Kopfs. Wie gerne möchte ich vordringen zu Dir, ohne all die leeren Worte, die ich meiner Umgebung verschwenderisch anbot, um sie über meine Empfindungen zu täuschen. Es ist ein Vertrag der Aussöhnung, den ich Dir schüchtern anbiete, wohl wissend, dass dies nur ein Beginn sein wird. Zu viele Jahre schon habe ich in einer Wirklichkeit gelebt, die mir inzwischen selbst verlogen vorkommt. Ich glaubte so dem Schmerz zu entfliehen. Dabei habe ich mich ständig mehr in eine fremde Welt zurückgezogen, eine die mir doch so nahe schien.

Ich möchte diesem Brief eine Schilderung meiner Vergangenheit folgen lassen, für die mich viele Menschen immer wieder bewunderten. Aber niemanden hatte ich je in mein Innerstes vordringen lassen. So war es unausweichlich, dass sich meine wirklichen und scheinbaren Erfolge nicht mehr auseinander halten ließen. Sie entwickelten sich zu einer Lebenslüge, die in einer Welt des Scheins wahrer zu sein schien, als die Wirklichkeit aus der sie entsprang.

Auf dem langen Weg zu Deinem Herzen,

Manfred

   
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