|
Brief an meine verletzte Seele
Lange schon wollte ich Dir schreiben,
mich erklären für viele Ungereimtheiten, die uns betrafen. Oft hatte
ich versucht, meine Gedanken in Worte zu fassen, doch gelang es mir
nicht. So nutze ich diese Tage und Wochen der Depression, Dir eine
Erklärung zu geben für all die vielen Fragen, die Du hinsichtlich
meines Benehmens vielleicht hast. Wo soll ich nur anfangen? Wie soll
Dir mein Verstand das schildern, das ich selbst immer wieder zu
verdrängen suche.
Wie Du
weißt, war meine Kindheit nicht besonders einfach zu leben. Geboren
im Krieg, mit sechs Jahren in ein fremdes Land gekommen, bei Tante
und Onkel, die mir nie Ersatz für meine toten Eltern geben konnten,
habe ich vielleicht nie jene Liebe erfahren können, die ich im
Innersten so sehnlich erhofft habe. Schon früh floh ich in
Scheinwelten, baute mir eine nur mir erschließbare illusionäre
Umgebung auf, die ich nur ungern verließ. In dieser parallelen Welt
konnte ich mich zurückziehen, wenn man Forderung an mich stellte,
denen ich mich gewachsen fühlte. Ich wollte sogar einmal Polizist
werden, da ich darin jene Macht verkörpert sah, die mir Schutz vor
meiner feindlich empfundenen Umgebung verlieh. Ich erkannte schon
früh die Ungerechtigkeiten dieser Welt und hoffte mich durch die
Flucht nach innen vor ihnen verstecken zu können. Wie sehr hatte ich
diese Höhlen geliebt, aus denen ich dann jäh herausgerissen wurde,
wenn mich meine Umgebung mit der Wirklichkeit zu konfrontieren
verstand.
Irgendwie haben mich diese Scheinwelten bis ins Erwachsenenalter
verfolgt. Je mehr ich mich mit meiner realen Umwelt nicht mehr einig
wusste, desto mehr flüchtete ich mich in die Illusion des Machbaren.
Diese parallelen Welten wurden zu Fluchtpunkten meines Lebens, in
denen ich schalten und walten konnte, wie es mir richtig erschien.
Meine Umgebung spürte dies kaum, denn ich hatte verstanden sie mit
leicht Nachvollziehbarem zu tarnen, ihnen neue, interessante Namen
zu geben. Sie wurden zu Identitäten, deren Wahrheitsgehalt sich nur
mir selbst erschloss. Ich hatte gelernt mit meiner Umgebung zu
spielen, sie durch phantasievolle Argumente zu täuschen, nicht
erkennend, dass ich mich unbemerkt in den Kreis der Getäuschten
eingebunden hatte. Diese Welt des inneren Rückzugs war es, die mich
immer mehr von meiner Umwelt abkapselte. Äußerlich war mir dies kaum
anzumerken. Menschliche Distanz ist heute wieder gefragt. Wer will
sich schon seinem Nächsten öffnen und dann Gefahr laufen innerlich
verletzt zu werden?
So sind viele
Jahrzehnte ins Land gegangen. Ich bin alt geworden, weit entfernt
von jener Weisheit, welche die Jahre eigentlich bringen könnten. Die
Einsamkeit, die mich heute umgibt, habe ich nicht selbst gesucht,
doch ich tat wenig, um sie zu verhindern. Viele Jahre habe ich
gebraucht, bis ich den Grund fand, weshalb meine inneren
Schwankungen so unvermittelt mein ganzes Selbst in Beschlag nahmen,
meine Kontrolle der Höhen und Tiefen meines Lebens vereinnahmten,
als gehöre ihnen mein Ich. Eine Betroffene war es, die mir einmal
unvermittelt die Diagnose ins Gesicht warf: Manisch-depressiv. Wie
war dies möglich geworden, hatte ich doch Ärzte und Psychiater und
Psychologen nach meinem Leiden befragt. Sie fanden Dutzende von
Erklärungen, doch ihre Therapie hatte nie gegriffen. Je mehr ich
mich vom realen Leben entfernte, desto tiefer verstrickte sich mein
Geist in jene irreale Welt, die mir in meiner Kindheit
vermeintlichen Schutz gegeben hatte. Mein Empfinden für die
Ungerechtigkeiten dieser Welt hatte sich durch meinen Beruf und
meinen Wissensdurst geschärft. Ich fand Tausende von Gründen,
weshalb wir so und nicht anders leben sollten. Mein Weg führte mich
über eine steile Karriere in der Wirtschaft, nach einer Flucht auf
Land, in den Journalismus, in die Religion und deren Exponenten, von
denen ich einiges Leid erfahren musste, nebst wundervollen
Erlebnissen von echter Heiligkeit und religiöser Erfahrung. All dies
brachte mich aber nicht von meiner Scheinwelt weg, die mir auch auf
diesem Abschnitt meines Lebens Hort der Flucht blieb.
Wenn ich
Dir, meine liebe Seele, nun schreibe, so möchte ich Dir nicht neue
Gründe aufzeigen, sondern mit Dir einen Vertrag schließen, einen
Vertrag zu neuem Leben. Wie sehr habe ich Dich vernachlässigt. Wie
oft verdrängte ich Deine ungestüme Botschaft, wenn Du mich riefst,
von meinem Irrweg abzulassen. Deine Stimme war es, die mich immer
wieder in die Wirklichkeit zurückrief. Ich traute Dir aber nicht. Zu
sehr war mein ganzes Ich damit beschäftigt, meiner Umgebung ein
Scheinbild von mir vorzugaukeln, das meinem echten Ich gar nicht
entsprach. Ich wollte auch dann noch selbst gemachten Erfolg
vorweisen, als mich das Schicksal schon längst in die Rolle des
Verlierers gedrängt hatte. Mein Geschick brachte es fertig, meiner
Umwelt ein Bild von mir zu vermitteln, das ich selbst
zusammengeflickt hatte und das einem Selbst entsprach, das man
eigentlich von mir gar nicht erwartete. Mag sein, dass mich meine
Erziehung auf Erfolg getrimmt hatte. Warum hörte ich aber nicht auf
die Stimme meines Herzens, als meine künstliche Welt immer wieder
einzufallen drohte?
Wie
einfach ist es für mich jetzt, in dieser depressiven Phase, ein
demütiges Weltbild zu zeichnen. Wie werde ich in meiner nächsten
manischen Phase reagieren? Werde ich wieder künstliche Welten bauen,
in denen ich meiner Umgebung Leistung und Erfolg vorgaukle? Wird es
mir je gelingen, ein Mensch zu werden, der sich in Demut jener Natur
beugt, die ihm zutiefst eigen ist?
„Des
Menschen Ziel ist Demut“ hatte ich 1981 in mein damaliges Tagebuch
geschrieben. Wie wenig wusste ich damals von echter Demut.
Verwechselte ich sie nicht mit erlebter Demütigung? Zum „Mut zur
Demut“ hatte uns Professor Max Thürkauf in seinen Vorlesungen
aufgerufen. Ich verstand ihn zu jener Zeit nicht wirklich und auch
heute, zwanzig Jahre später, blieb mir dieser Begriff eine
Worthülse, deren Bedeutung ich nur in wenigen, lichten Momenten
meines Daseins zu erkennen schien. Viele Geschichten von Heiligen
habe ich gelesen, heiligmässige Menschen habe ich kennen gelernt,
doch scheine ich in dieser Hinsicht nicht besonders lernfähig zu
sein.
Wäre es
möglich, dass Demut im Innersten unseres Seins zu beginnen hat?
Könnte es sein, dass diese besondere Tugend nur dann zur Wirkung
gelangt, wenn wir uns mit Mut darauf einlassen, alles loszulassen,
was uns an scheinheiligem Denken und Tun gefangen hält? Bei mir
wären es also die Scheinwelten, meine Rückzugskammern, die ich
tüchtig ausräumen müsste, damit ich dieser erstrebenswerten Tugend
endlich Raum verschaffen könnte. Diese Kammern sind aber noch
überfüllt mit lieb gewonnenen Illusionen und irrealen Hoffnungen,
deren Unmöglichkeit der Verwirklichung ich schon längst erkannt
habe. Jede manische Phase gab mir wieder die irrige Kraft sie von
Neuem hervorzuholen. Längst habe ich erkannt, dass sie einer
Scheinwelt entstammten, doch wem wollte ich es gestehen, dass dies
so war. Ich betrog mich in dieser Situation in erster Linie selbst,
mir einredend, dass mein Umfeld mich daran hinderte, mich selbst zu
verwirklichen. Ach welch lustbetonte Lüge ich mir da aufgetischt
hatte, zutiefst überzeugt, dass es dieses Mal klappen wird.
Eigentlich hätte ich es schon längst erkennen müssen, dieses Spiel
mit kunstvoll versteckten Lügen. Sicher gaben sie mich in vielen
Lebenslagen die Illusion, meine Umgebung merke es nicht. Meine
Reisen in alle Teile der Welt, meine mit geschickt kaschierte
Hektik, meine Argumente, die in Tat und Wahrheit keine waren,
sollten mir und meinen in der ganzen Welt verstreuten Freunden einen
ein Engagement vortäuschen, das längst zum leeren Aktivismus
verkommen war. Wie sollte ich meiner Umgebung die wahren Gründe
meiner Unrast darlegen, wenn ich mich in ihr selbst schon heillos
verstrickt hatte?
Dir,
liebe Seele, möchte ich dies alles beichten, in der Hoffnung, dass
Du in meinem Innersten mich noch zu hören vermagst. Die Tage gehen
jetzt nur langsam dahin. Wenig Kraft habe ich, den Alltag zu
bewältigen. Wenige Stunden Schlaf finde ich in der Nacht. Wenn ich
aufwache, dann packt mich die Wirklichkeit in ihrer schmerzlichsten
Form. Ich erinnere mich an meine Exzesse der letzten Monate, an
Menschen, die ich durch mein aggressives Verhalten mündlich und
schriftlich verletzt habe. Zwar erkenne ich, dass ich mich dabei
meist für Verletzungen und Demütigungen rächen wollte, die mir
zugefügt wurden. Doch warum war ich in meinen Worten so hart? Warum
vergaß ich dabei die Dankbarkeit für früher erfahrene Hilfe? Es ist
ein tragisches Merkmal dieser Krankheit, deren Heftigkeit ich nie zu
steuern vermochte, besonders dann nicht, wenn ich es nicht mehr
nötig fand, meine Medikamente zu nehmen.
Vielleicht tue ich mich schwer, alleine und ohne kompetente
Begleitung diesen Weg in der Krankheit zu gehen. Kaum erhalte ich
Rückmeldungen meiner Umgebung über mein tägliches Verhalten. Fühle
ich mich besser, so fliehe ich irgendwohin. Überkommt mich meine
Depression, dann ziehe ich mich an Orte zurück, wo ich mich sicher
und unbehelligt fühle. Längst habe ich es aufgegeben, meiner
Umgebung von meiner Trübsal zu berichten. Die wohlgemeinten Worte
des Aufmunterns habe ich satt. Sie zeigen mir allzu deutlich, dass
ich in diesen Phasen der Trauer nur wenig Verständnis von meiner
Umgebung erwarten darf. Fast scheint es mir, als sei die Depression
eine Form von Pestilenz oder Aussatz, vor deren Ansteckung Menschen
sich fürchten können. So schauspielre ich die Minuten fremder
Begegnung. Ziehe mich dann schleunigst wieder in meine vertraute
Wohnlichkeit zurück. Wie oft musste ich dann aber erfahren, dass
mich Menschen in dieser Phase meiner Krankheit eher liebten, als
während meinen Höhenflügen, in denen ich mich so wohl und beschwingt
fühlte. Was kümmerte mich dann die Kritik meiner Umgebung, war ich
ihr doch haushoch überlegen, wissend um Dinge dieser Welt, von denen
sie kaum zu träumen wagten. Dieses Gefühl des Abgehobenseins war es,
das ich in meiner Depression oft so sehr zurücksehnte. Längst schon
hatte ich erkannt, dass die Manie mich bald wieder in brutaler Form
loslassen würde, mit den mir bekannten Schmerzen. Doch wer fliegt
denkt kaum an den unausbleiblichen Fall.
Viele
Worte habe ich nun geschrieben, um Dir vom Kopf her zu sagen, was
mir bisher nicht auszudrücken gelang. Wie sehr möchte ich mich mit
Dir aussöhnen, meine liebe Seele, zu mir ich so selten vorzudringen
gelang. Wie oft habe ich Dir Wirklichkeiten vorgespielt, die keine
waren. Wie oft habe ich Dich zu täuschen versucht, in der irrigen
Meinung, dass die Sprache des Herzens die Gleiche sei, wie die des
Kopfs. Wie gerne möchte ich vordringen zu Dir, ohne all die leeren
Worte, die ich meiner Umgebung verschwenderisch anbot, um sie über
meine Empfindungen zu täuschen. Es ist ein Vertrag der Aussöhnung,
den ich Dir schüchtern anbiete, wohl wissend, dass dies nur ein
Beginn sein wird. Zu viele Jahre schon habe ich in einer
Wirklichkeit gelebt, die mir inzwischen selbst verlogen vorkommt.
Ich glaubte so dem Schmerz zu entfliehen. Dabei habe ich mich
ständig mehr in eine fremde Welt zurückgezogen, eine die mir doch so
nahe schien.
Ich
möchte diesem Brief eine Schilderung meiner Vergangenheit folgen
lassen, für die mich viele Menschen immer wieder bewunderten. Aber
niemanden hatte ich je in mein Innerstes vordringen lassen. So war
es unausweichlich, dass sich meine wirklichen und scheinbaren
Erfolge nicht mehr auseinander halten ließen. Sie entwickelten sich
zu einer Lebenslüge, die in einer Welt des Scheins wahrer zu sein
schien, als die Wirklichkeit aus der sie entsprang.
Auf dem
langen Weg zu Deinem Herzen,
Manfred |