Fast 10
Jahre brauchte es, bis mir jemand ins Gesicht sagte dass
ich manisch-depressiv krank sei. Mit Sicherheit keine Freude
für mich. Doch endlich hatten meine inneren Schwankungen
einen Namen. Besonders dankbar war ich meiner
Arbeitskollegin nicht, dass sie mir schonungslos eine
Diagnose hingeworfen hatte, zu der die früher konsultierten
Fachleute (zwei Hausärzte, ein Psychologe und zwei
Psychiater) nicht fähig gewesen waren. Ich war zu ihnen
wegen meiner Depressionen gegangen, und von meinen Hochs,
die ich damals nie als Manien erkannt hätte, hatte ich ihnen
nicht gesprochen. Wie froh war ich doch, dass ich von Zeit
zu Zeit wieder aus dem Vollen schöpfen konnte. Als
Warenhausmanager erwartete man von mir, dass ich ständig
auf Trab war, dass ich von Ideen sprühte. Meine Chefs schmunzelten, wenn ich mit einem verrückten Vorschlag kam, wie man
mehr Menschen in ein Kaufhaus locken konnte. Im starren
System eines Grosskonzerns war für Manien wenig Spielraum.
So blieben sie erklärbar und wirtschaftlich vertretbar.
All
dies änderte sich, als ich nach einer schweren
Depression keinen Ausweg mehr sah. Seit Wochen hatten
mich Suizidgedanken geplagt. Als dann einer meiner
Arbeitskollegen, ein Topmanager aus Genf, unter einen
Zug gesprungen war, wusste ich, dass auch ich mich
entscheiden musste. Ich erinnere mich, wie ich während
meiner Mittagspausen über die Basler Wettsteinbrücke
ging und täglich prüfte, wo genau ich hinunter springen
werde. Der unerwartete Tod meines Kollegen, einer der
besten Manager unseres Konzerns, gab mir den Anstoss zum
Überleben. |
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Ich sah
nur noch einen Ausweg: weg aus der Direktionsetage, hinein
in die Selbstständigkeit als Wirtschaftsberater. Was als
hoffnungsvoller Anfang aussah, wurde in Wirklichkeit zum
Beginn eines Desasters. In der vermeintlichen Freiheit
entwickelte sich meine Krankheit zu dem, was sie später
wurde. Ungehemmt durch äussere Zwänge schlug das Pendel
zwischen Depression und Manie immer heftiger aus. Schon
vorher hatte ich wegen meiner Depressionen Ärzte aufgesucht.
Nun lernte ich im neuen Berufsumfeld Psychologen und
Psychiater kennen. Wenn ich mich ehrlich frage, so erinnere
ich mich an mehr oder weniger scherzhaft hingeworfene
Bemerkungen betreffend einer Manie. Doch wem hätte ich dies
damals abgekauft? An meine erste heftige Manie erinnere ich
mich, als ich als Mitarbeiter in einer
Rehabilitationseinrichtung für Drogenabhängige arbeitete. Ich
fand mich echt stark, als ich mich eines Tags auf die Seite
der Betreuten schlug und demonstrativ eines Nachts abhaute,
mich in eine neue Bewerberin verliebte und bei ihr
untertauchte. Kein Wunder, dass ich danach meinen Job
verlor. Dann versuchte ich es als selbstständiger
Personalberater. Beim nächsten manischen Schub erwischte ich
eine Diskushernie. Unfähig auf den Beinen zu gehen,
arbeitete ich wie besessen weiter, bis sich mein Zustand derart
verschlechterte, dass ich auf allen Vieren einen Arzt
aufsuchen musste. Der verfrachtete mich ins Krankenhaus, wo
ich notfallmässig operiert werden musste, da mein linkes
Bein jegliches Gefühl verloren hatte. Seit dem humple ich
durch die Welt. Ein Basler Unternehmer gab mir später die
Chance, mit einem bescheidenen Lohn zumindest wieder
überleben zu können. Kaum war ich aber aus meiner Depression
heraus, fühlte ich mich zu grossen Taten berufen. Ich flog
in die USA und wollte mit den dortigen Erfahrungen einen der
ersten Computershops in der Schweiz eröffnen.
Glücklicherweise hatten die Schweizer Banken für meine
hochfliegenden Pläne wenig Verständnis. So verlor ich nur
mein Erspartes.
Dann
fühlte ich mich nach Rom gerufen, in die Nähe des Papstes.
Ich hatte nämlich in der Schweiz einige seiner Vorträge auf
Audiokassetten herausgegeben. Die Umstände wollten es, dass
ich ihm diese an seinem Sommersitz persönlich übergeben
durfte. In katholischen Rom schien man für mich wenig
Interesse zu entwickeln. Wie schön, dass ein etwas
verstaubter Exilkönig aus einem Balkanland um meine
Mitarbeit warb. Nach einigen Wochen schon ernannte er mich
zu seinem „Aussenminister“, was bald
auch durch eine Boulevardzeitung publik wurde. Wie schön
eine Manie sein kann, wenn man nicht weiss, dass es eine
ist. Mit ungebändigter Schaffenskraft stürzte ich mich in
dieses königliche Abenteuer, auf eigene Kosten, mit der
unvermeidlichen Konsequenz, wieder ohne einen Pfennig
dazustehen. Hätte ich nicht liebe Freunde gehabt, die mir
immer wieder unter die Arme griffen, wäre ich wohl in
einer Klinik gelandet. So kehrte ich wieder in die Schweiz
zurück. In einer sozialen Einrichtung, in der ich als
Mitarbeiter einen Job fand, erhielt ich endlich die
Diagnose, die in mein Leben eine Wendung brachte. Es war die
oben genannte Kollegin, die selbst manisch-depressiv war wie
auch ihr Vater. Ich kochte innerlich, fühlte mich noch
nicht bereit einen Psychiater aufzusuchen. Eine
Peinlichkeit, die mich eines Besseren belehrte, liess meine
Hemmung fallen. Vom ersten Tag an erhielt ich, langsam
aufbauend, Lithiumsulfat. Nebenwirkungen verspürte ich
wenige. Der Psychiater, der auch meiner Arbeitskollegin
geholfen hatte, zeigte mir einen neuen Weg, den ich
anfänglich nur zögerlich akzeptierte.
Die
Lithiumtherapie habe ich drei oder vier Mal abrupt
abgesetzt. Die Depressionen waren die schmerzhafte Quittung
für diesen in hypomanischen Phasen gefassten Entschluss.
Später dann verfluchte ich meine Flucht aus dem Medikament.
Ich erinnere mich, dass ich während einer manischen Phase
nach Kuba geflogen war. Auf dem Flughafen in Madrid hatte
ich eine hübsche Kubanerin kennen gelernt, mit der ich mich
Wochen später verlobte. Gleichzeitig mietete ich in
Barcelona ein Büro, über das ich „Import-Export“ aus der
Zuckerinsel abwickeln wollte. So ganz nebenbei kümmerte ich
mich um einen möglichen Besuch des Papst in Kuba. Nur ein
Maniker kann diese Dimension verstehen. Einfacher zu
verstehen ist die Reaktion meiner Bank, die meine
Kreditkartenschulden gegen eine kleine Immobilie in
Frankreich eintauschte. Das Loch in das ich dann fiel war
sehr, sehr tief und mein durch die Bank konfisziertes
Häuschen verliess ich mit einigen Bananenschachteln, die im
PKW eines Freundes Platz fanden.
Sicher
habe ich nicht nur Mist gebaut. Stabilisiert durch das
Lithium hatte ich 1991 eine Reportage über den Golfkrieg
gemacht und ein Jahr später sogar eine Hilfsaktion für
Kinder im Irak, wo fast $ 100'000 zusammenkamen. Ich muss
aber zugeben, dass ich durch meine inneren Schwankungen
viele meiner Freunde brüskiert und einige davon verloren
habe. Selten hatte ich den Mut offen über meine Krankheit zu
sprechen. Ich empfand es als Stigma. Da ich meine Manien
immer gut kaschieren konnte und sie nie besonders heftig
waren, wurde ich nie hospitalisiert. Aber ich wollte meine
Erfolge dennoch nicht hinterfragt wissen. Irgendwie
fürchtete ich, dass ich von meiner Umgebung nicht mehr ernst
genommen würde. Eine solche Krankheit gil doch für
viele als Stigma. Die änderte sich erst im Laufe des letzten
Jahres. Ich erkannte, dass ich nie richtig JA zur Diagnose
gesagt hatte. Vielleicht hoffte ich im Innersten, dass sie
nicht stimmte. Ganze 13 Jahre hat dies gedauert.... Nun stehe ich dazu und ich freue mich über
jeden Menschen, der ehrlich über seine Behinderung spricht.
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