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Manisch-depressiv und dennoch
ein erfülltes Leben
Im Dezember 1967 bin ich im Emmental als erstes Kind einer
Kleinbauernfamilie geboren. So erlebte ich eine schöne und
naturverbundene Kindheit. Als ich sieben Jahre alt war,
bekam ich noch einen Bruder. Nach der Sekundarschule machte
ich zuerst ein bäuerliches Haushaltslehrjahr. Schon dort
hatte ich psychische Schwankungen.
Die
nächsten zwei Jahre verbrachte ich in der
französischsprachigen Schweiz auf einen Bauernhof. Dort
arbeitete ich oft sehr streng aber mit viel Freude. Am
Samstag besuchte ich die Jugendgruppe und kam oft sehr spät
nach Hause. Ich hatte mich in einen angehenden Arzt
verliebt. Diese Liebe stiess aber auf keine Gegenliebe. Drei
Monate zu früh musste ich nach Hause, weil meine Chefin es
mit mir nicht mehr aushielt.
Rückblicken weiss ich, dass ich damals die erste manische
Phase hatte.
Obschon meine Mutter in ihrer Jugend ähnliches durchgemacht
hat, behielt sie mich einfach zu Hause ohne ärztliche Hilfe
anzufordern. Ich verbrachte die meiste Zeit im Bett, war
nachtaktiv und schrieb unzählige und ellenlange Briefe. Wenn
es ganz schlimm war, versuchte mir die Mutter ein Seresta,
von meinem Vater, der ebenfalls manisch depressiv ist, zu
geben. Ihn erlebte ich aber nur depressiv.
Trotz
allem konnte ich meine Ausbildung als Topfpflanzengärtnerin
termingerecht beginnen. Aus
dieser Zeit mag ich mich besonders an eine depressive Phase
erinnern. Auch hatte ich sonst Probleme, die als
Hormonstörungen diagnostiziert wurden. Man riet mir,
abzunehmen. Das gelang mir auch. 20kg leichter kippte ich
nun fast zur Magersucht. Kurz darauf frass ich alles wieder
in mich hinein und war bald schwerer als vorher. Dank
guter Unterstützung des Lehrmeisters und der
Berufschullehrer konnte ich die Lehre mit einem guten
Resultat beenden.
Meine
erste Anstellung nach der Ausbildung war in einem Männerheim
für Alkoholiker in der Stadt Zürich. Dort war die
Überforderung total. Ich arbeitete von morgen früh bis
abends spät und übernahm zusätzlich viele Aufgaben in der
Jugendgruppe und im Frauenkreis. Meinen Ideen waren keine
Grenzen gesetzt.
Einmal
mehr verliebte ich mich unsterblich. Als der Angebetete mir
zu verstehen gab, dass er „nur“ ein guter Freund sein wolle
und er sich eine Partnerschaft mit mir nicht vorstellen
könne, kam der totale Zusammenbruch. Ich war sehr manisch,
was sich in Kaufsucht und Nachtaktivität zeigte. Zum ersten
Mal kam nun auch der Wunsch, mir das Leben zu nehmen, was
mir aber nicht gelang. Total
hilflos kündigte ich meine Stelle rückwirkend auf den Ersten
des laufenden Monats und kehrte zu meinen Eltern zurück.
Wieder schrieb ich unzählige Briefe blieb die ganze Nacht
wach und terrorisierte mein Umfeld.
Mein
Seelsorger begleitete mich in dieser stürmischen Zeit. Er
sorgte dann auch dafür, dass ich in die Klinik für
ganzheitliche Medizin nach Langenthal konnte. Ich kam auf
die geschlossene Abteilung. Dort bekam ich dann auch zum
ersten Mal Medikamente und kam wieder in einen normalen
Schlaf und Tagesrhythmus. In der Gesprächstherapie lernte
ich viel über mich selber und bekam auch ein ganz neues
Gottesbild. Meine Eltern waren Christen und ich hatte schon
als Kind eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Doch
all mein Denken und Handeln war stark vom Leistungsdenken
geprägt. Hier in der Klinik konnte ich nicht arbeiten, also
war ich auch nichts wert. Ganz neu lernte ich, dass Gott
mich liebt, egal was ich bin und leiste. Das gab meinem
Leben ganz neue Perspektiven.
Nach
einem dreimonatigen Aufenthalt kam ich in eine
Bauernfamilie, die das vierte Kind erwartete. Es gefiel mir
dort sehr gut. Trotzdem versank ich in eine tiefe
Depression. Selbst das Kochen einfacher Mahlzeiten machte
mir grosse Angst. Am liebsten verkroch ich mich ins Bett und
zog die Decke über mich. Auch hier kamen wieder
Suizidgedanken, die ich aber nicht umsetzten konnte. Leider
wurde ich nur von einen gewöhnlichen Hausarzt betreut.
Als
dieser dann die geniale Idee hatte, das Clopixol langsam
abzusetzen, war der Rückfall vorgeplant. Wieder verliebte
ich mich unglücklich. In der folgenden manische Phase schien
alles wieder gut zu werden. Als mir aber klar wurde, dass
auch aus dieser Liebe nichts wurde, kamen wieder
Suizidgedanken. Vor lauter Angst, mir selber etwas zuleide
zu tun, lieferte ich mich selber wieder in die Klinik ein.
Diesmal blieb ich fünf Monate dort. Jetzt
stand auch die Diagnose „manisch-depressiv“ fest. Nach
dieser Zeit war klar, dass ich nicht mehr zurück in meinen
Beruf konnte und ich bekam die Möglichkeit, eine christliche
Therapie zu machen.
Hier
lernte ich wieder einen geregelten Tagesablauf einzuhalten,
mich in der Gruppe zu integrieren, Haus- und Gartenarbeiten
zu verrichten. Medizinisch betreut wurde ich von einer
Ärztin mit viel Erfahrung. Ich bin noch heute bei ihr in
Behandlung. Ihr habe ich viel zu verdanken, besonders dass
es mir heute so gut gehen darf. In
dieser Zeit hatte ich eine 100%ige Invalidenrente und einen
Beistand, der für mich die finanziellen Angelegenheiten
regelte. Nach
einiger Zeit machte ich den ersten Arbeitsversuch und
verkaufte in der Weihnachtszeit Schokolade in einem
Warenhaus. Weil
das recht gut ging, wagte ich einen weiteren Versuch,
diesmal auf meinem Beruf als Gärtnerin. Das war aber sehr
schwierig. Ich war viel zu langsam und hat kein Vertrauen
mehr zu mir.
Der
zweite Versuch in einer Teilzeitstelle ging dann besser. Es
wurde mir viel Verständnis entgegengebracht und ich durfte
wertvolle Erfahrungen machen. Nun
hatte ich Mut genug um eine volle Stelle anzunehmen.
Es war
ein grosses Geschenk, dass ich ganz in der Nähe eine Stelle
als Gärtnerin finden konnte. Ich war bei meiner Arbeitssuche
immer ehrlich und erzählte von meinen psychischen Problemen,
die ja auch im Lebenslauf ersichtlich sind. Die Frau von
meinem neuen Arbeitgeber war Psychiatrieschwester,
vielleicht mit ein Grund, dass mir diese Chance gegeben
wurde.
Langsam löste ich mich dann auch vom Therapiehaus und
mietete zum ersten Mal in meinem Leben eine eigene Wohnung.
Auch kaufte ich mir wieder ein eigenes Auto. Ich
brauchte keine Invalidenrente mehr und auch die
Beistandschaft wurde aufgelöst.
Während dieser Zeit erkrankte auch mein Bruder schwer.
Diagnose: ebenfalls manisch-depressiv. Es war für mich
besonders hart mit ansehen zu müssen, wie sich die Krankheit
bei ihm äusserte. All die Klinikaufenthalte, wo er mit Medis
voll gepumpt wurde ohne ihm wirklich Hilfestellung fürs
weitere Leben zu geben. Schliesslich konnte er auch eine
Therapie machen, die aber nicht zu grosser Veränderung
seines Lebens führte. Jedes Mal, wenn er von sich aus die
Medikamente nicht mehr nahm, kam der Rückfall.
Unterdessen wird er von der selben Ärztin wie ich betreut
und hat Lithium, was ihm ein einigermassen normales Leben
ermöglicht.
Eigentlich hatte ich nun die Hoffnung aufgegeben, einmal
einen Ehepartner und ev. sogar eigene Kinder haben zu
dürfen. Ausgerechnet in dieser Zeit lernte ich ihn kennen,
meinen zukünftigen Ehemann. Lange wussten wir nicht, ob wir
wirklich heiraten dürften. Meine Ärztin klärte dann meinem
Mann über meine Krankheit auf. Sie sah für eine
Eheschliessung keinen Hinderungsgrund, riet uns jedoch
möglichst keine Kinder zu haben, da die Chance einer
Vererbung der Krankheit bei 20% liege und Schwangerschaft,
Geburt und die strengen Kleinkinderjahre eine grosse
Herausforderung seien. Wenn der Wunsch trotzdem da sei,
sollen wir doch wenigstens einige Zeit zuwarten, bis ich
mich an die neuen Lebensumstände gewöhnt hätte.
Im
Sommer 1997 heirateten wir. Noch nie war ich so glücklich! Auch
fand ich eine Traumarbeitsstelle im Verkauf bei meinem
ehemaligen Lehrmeister. Als
Verhütungsmethode wählten wir die Pille, weil uns diese als
das sicherste empfohlen wurde. Schon einige Monate vor der
Hochzeit schluckte ich sie, um sie auszuprobieren. Nun gut,
- drei Monate nach der Hochzeit, musste ich feststellen,
dass ich schwanger war! Das
Tegretol musste ich absetzten und hatte dann noch Deanxit
und Melleril. Ich erlebte eine gute Schwangerschaft.
Ich
hatte eine schwere Geburt mit einem Schambeinfugenriss (oder
mit Komplikationen). So musste ich zwei Wochen im Spital
bleiben und konnte danach kaum gehen. Auch das Wochenbett
brachte keine psychischen Probleme. Besonders froh waren
wir, dass unser Kind keine Schäden von den Medikamenten
genommen hat. Ich wusste ja erst nach gut 8 Wochen, dass ich
schwanger war und erst da wurde das Tegretol abgesetzt.
Weil
ich weder in der Schwangerschaft, noch im Wochenbett und der
darauf folgenden anstrengenden Kleinkinderzeit keine
psychischen Probleme hatte, wagten wir an ein weiteres Kind
zu denken. So wurde das zweite Kind zwei Jahre später ein
richtiges Wunschkind. Schwangerschaft und Wochenbett gingen
wieder gut. Erst einige Monate später schlitterte ich in
eine Erschöpfungsdepression hinein. Leider wollte ich es
nicht für wahr haben, liess mir möglichst nichts anmerken
und sagte es auch meiner Ärztin nicht. Erst als dann die
ersten Suizidgedanken kamen, suchte ich Hilfe. Seropram
machte mich zu müde. Mit Efexor und Temesta machte ich dann
gut Erfahrung. Endlich wieder gut eingestellt, machte mir
das Leben wieder Freude und ich fühlte mich den Aufgaben,
die ein Kleinkinderhaushalt bringt wieder gewachsen. Doch
bald danach musste ich feststellen, dass ich schon wieder
schwanger war! Auch diesmal wieder trotz korrekter Einnahme
der Pille.
Nun
wurde ich fest durchgeschüttelt. Wie sollte das nur gehen?
Wie würde ich das nur schaffen? Diese Gedanken und Ängste
begleiteten mich durch die ganze Schwangerschaft. Das
Temesta wurde sofort abgesetzt. Es machten sich
Entzugserscheinungen bemerkbar. Die Schwangerschaft und
Geburt verlief ohne sonstige Komplikationen. und wir durften
das dritte gesunde Kind in unserer Familie willkommen
heissen.
Vorbeugend verordnete mir die Ärztin Haushalthilfe durch die
Spitex.
Langsam begann eine manische Phase. Am Anfang merkte es
niemand. ich fühlte mich gut und hatte hunderttausend „gute“
Ideen. Ich sass viel am Computer und verlor mich förmlich im
Internet. Beim Chatten und in den Foren tat sich mir eine
Welt ohne Grenzen auf. Dabei hätte ich genügend Arbeit mit
meinen Kindern und dem Haushalt gehabt! Ich sah unsere Ehe
in einer grossen Krise und erzählte allen Leuten, was mein
Mann alles nicht machte und dass er mich nicht verstehe. Ich
merkte nicht, dass ich das eigentliche Problem war! Erst als
mir jemand vom Gemeinde-Psychiatrischen-Dienst beim ersten
Besuch sagte, ich rede so viel, war mir plötzlich klar, dass
mein Zustand nicht mehr normal war.
Ich
war unkonzentriert, nachtaktiv, hatte grosse Kauflust, war
enthemmt.. Für
meinen Mann war das sehr schwierig. Er hatte mich ja noch
nie manisch erlebt und in unserem Umfeld erlebte er nur
wenig Unterstützung.
Diesmal bekam ich Zyprexa, was auch bald gut wirkte. Nur
hatte ich riesigen Appetit und nahm nochmals zu. Mit Zantic
liess sich dieses Problem etwas eindämmen. Die
beiden grösseren Kinder musste ich für 5 Wochen weggeben. Vom
Gemeinde-Psychiatrischen-Dienst bekam ich jeden Tag Besuch
und wurde von der Spitex im Haushalt unterstützt. So konnte
ein Klinikaufenthalt umgangen werden. Das
Bébé gab meinem Tagesablauf etwas Struktur, doch vieles lief
sehr chaotisch.
Als
die Manie abgeklungen war, bekam ich plötzlich Angst, eine
Depression könnte folgen. Alltägliche Dinge machten mir
plötzlich Angst. Die Depression konnte dank Efexor
abgewendet werden. Zur
Zeit erfreue ich mich einer stabilen Phase. Die
letzte Manie hat mich nun recht aufgerüttelt. Ich hatte
schon geglaubt, die Krankheit nun im Griff zu haben. Hatte
ich doch neun Jahre lang keine manische Phase mehr. Ganz
neu muss ich mich mit der Diagnose „manisch-depressiv“
auseinander setzten. Ich war mir zu wenig bewusst, dass ich
eine chronische Krankheit habe.
Nun
habe ich viel über meine Krankheit gelesen. Das Internet
erwies sich dabei als wahre Fundgrube.
Vieles
aus meiner Vergangenheit bekommt plötzlich ein neues
Gesicht.
Grosse
Angst habe ich, es könnte wieder eine manische Phase folgen.
Das ich dabei nicht mehr ich selber bin, Dinge sage oder
tue, die mir später leid tun, wirkt auf mich sehr
bedrohlich. Manchmal habe ich auch Hemmungen, Menschen zu
begegnen, die mich manisch erlebt habe. Ich frage mich dann,
was sie wohl über mich denken.
Ein
schwieriges Thema für uns ist zur Zeit die Familienplanung.
Als ich noch nicht von meiner Krankheit wusste, wünschte ich
mir immer eine grosse Familie. Bei der Heirat hatten wir
gemeinsam diesen Wunsch beerdigt oder wenigstens auf später
verschoben. Nun haben wir drei Kinder. Besonders nach der
letzten manischen Phase, die wohl aus der Überforderung nach
der Geburt ausgelöst wurde, ist uns beiden meistens klar,
dass ein weiteres Kind nicht in Frage kommt. Das tut mir oft
im Herzen weh. Warum darf ich nicht gesund sein? Eine Mutter
wie jede andere. Viele Familien in unserem Umfeld haben
vier, eine sogar fünf Kinder. Jedes Mal wenn so eine
Geburtsanzeige kommt, sticht mich etwas im Herzen. Und dann
muss ich wieder zu mir sagen, sei doch vernünftig!! Du hast
drei gesunde Kinder. Schau doch der Krankheit ins Gesicht
und ziehe Dir und der ganzen Familie zuliebe einen
Schlussstrich.
Seit
der letzten Geburt verhüten wir mit der natürlichen
Empfängnisregelung, das heisst konsequenter Verzicht während
allen möglichen fruchtbaren Tagen. Bis
jetzt mit Erfolg. Die Pille kam ja nicht mehr in Frage und
die Spirale will ich aus ethischen Gründen nicht. Mit
der jetzigen Methode bin ich nicht ganz glücklich, weil ich
immer dann verzichten muss, wenn ich das grösste Verlangen
nach meinem Mann habe. Meine Ärztin rät mir schon lange zur
Unterbindung, aber ich finde einfach kein ja dazu, obschon
damit das Problem gelöst wäre. In solchen Momenten habe ich
es so richtig satt, krank sein zu müssen!
Ich
finde es schade, dass so wenig über diese Krankheit
gesprochen wird und viele gar nicht wissen, was nach dem
heutigen Wissensstand, die Ursache dieser Krankheit ist.. Meine
Gefühle wechseln auch in gesunden Zeiten oft innert Stunden.
Das ist für mein Umfeld, aber auch für mich selber oft
schwer zu ertragen. Jetzt
habe ich mich dazu durchgerungen und eine Lithium-Therapie
begonnen.
Rückblickend auf mein bisheriges Leben muss ich trotz allem
sagen, es war ein reiches und erfülltes Leben. Selbst durch
die Krankheitsphasen habe ich viel dazu gelernt. Ich
versuche jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt und das Beste
daraus zu machen. Manchmal fällt es mir nicht leicht meine
Grenzen zu akzeptieren. So brauche ich viel mehr Schlaf als
mein Mann und bin auch sonst nicht so belastbar, wie ich das
gerne wäre. Klare Tages- und Wochenstrukturen helfen mir, in
meinem oft turbulenten Kleinkinderhaushalt klar zu kommen.
Ich
bin Gott herzlich dankbar, dass er in allem seine Hand über
mir gehalten hat und mich immer wieder daran gehindert hat,
mir ein Leid an zu tun. Er hat mir einen lieben Mann
geschenkt, der bereit ist, mit mir Freud und Leid zu teilen.
Unsere drei Kinder machen uns viel Freude und beleben
unseren Alltag.
In
allem ist mir mein Glaube an Jesus Christus ein grosser
Halt. Er gibt meinem Leben Sinn und Hoffnung für die
Zukunft.
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