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Von einer manischen Depression kann jeder befallen
werden; ich lebe schon seit über 30 Jahre damit und habe es
geschafft auch zu überleben damit.
Heute geht es mir nicht gut; genau wie es mir die letzten 4
Tage schon nicht gut geht. Der Auslöser war eine Operation
am Donnerstag letzter Woche. Nix ernstes, aber für mich
schon wieder den Schupfer den es braucht um mich wieder in
einer depressiven Phase zu stürzen und dabei ging es mir
doch die letzten 10 Wochen so gut - viel zu gut
wahrscheinlich wieder.
Das ist gerade das Tückische an dieser Krankheit; wochenlang
schwebt man im siebten Himmel ist voller Tatendrang,
arbeitet Tag und Nacht, braucht keinen Schlaf und ist voller
Pläne und Ideen und dann....
Dann schlägt es wieder zu; man liegt im Bett und weint und
weint. Die Welt ist Scheiße, keiner liebt mich, mich wird eh
keiner vermissen und so fängt der Kampf ums Überleben an.
Jeder Tag ist nur noch ein einziges Ringen um
Selbstbeherrschung; ein innerlicher Kampf um, nicht einfach
das Fenster auf zu machen und raus zu hopsen. Aber
wahrscheinlich wird auch das nicht klappen; schließlich ist
man ein Versager.
Die Tabletten (die übrigens nicht müde machen oder betäuben;
ist nur Salz* drin) die ich jetzt seid zwei Jahren nehme,
haben mir geholfen und in Lebensgefahr verkehre ich nicht
mehr. Akute Selbstmordgefährdung besteht nicht mehr; so
gesehen, bin ich jetzt für die Umwelt als geheilt zu sehen.
Aber mit einer manischen Depression ist man nie geheilt; ein
falsches Wort, ein dummer Blick, schlechtes Wetter oder
einfach nur eine Verspätung vom Bus - all das kann einen
depressiven Phase auslösen (trotz Pillen, allerdings nicht
mehr lebensbedrohend). Und auch in der Phase manischen lebt
man nicht gerade sehr gesund; meist schlafe ich 5 bis 6 Tage
nicht und lauge meinen Körper bis aufs Mark aus. Ich arbeite
ohne Ende, mache Kundenreparaturen über Nacht (obwohl sie 14
Tage warten können), bügele die halbe Nacht oder putze 3-4x
täglich das Badezimmer und innen drin brennt ein Feuer das
mich vorwärts treibt. Bloß nicht sitzen, bloß nicht
ausruhen, damit die Gedanken nicht wieder in der falschen
Richtung, in Richtung Fenster, schweben. Die manischen
Phasen lassen sich mit Tabletten nicht ausgleichen; also
hibbele ich meist durch die Weltgeschichte wie ein Robin
Hood.
Die manische Depression kann viele Gründe haben und ist in
NICHTS zu vergleichen mit normalen Depressionen (die heilbar
sind); entweder liegt es am Hormonhaushalt, ist durch eine
andere Krankheit entstanden oder ist genetisch (also
erblich) bedingt. Die ersten zwei Varianten sind sehr gut zu
behandeln und teilweise auch heilbar, meine Variante ist es
leider nicht.
Als Kind war ich sehr empfindlich und hatte irgendwie einen
sechsten Sinn für Unheil und Wahrheit oder Lüge. Keiner
hätte jemals daran gedacht, dass ich ernsthaft krank bin.
Mit 5 Jahren wurde ich sexuell missbraucht und das über
mehrere Jahre. Als ich dann 8, fast 9, war, meinte meine
Mutter sie müsste mich aufklären. Da verstand ich dann was
Sache war und sprang an dem Abend aus dem 4. Stock unseres
Hauses. Seid dem bin ich behindert und habe dutzende
Selbstmordversuche hinter mir.
Ich habe damals niemanden erzählt was der Grund für meinen
Sprung war, aber ich wurde sehr schwierig im Umgang, sperrte
mich wochenlang in meinem Zimmer ein und wollte mit
niemanden reden. Mit 14 hatte ich dann schon einige
Selbstmordversuche hinter mir; ich wurde in einer
geschlossenen Anstalt für psychiatrisch gestörte Jugendliche
gesperrt. Da stellte man endlich die Diagnose, ganz einfach
durch eine Blutuntersuchung, und ich wurde unter Drogen (Valium
und so Zeugs) gesetzt.
Man muss sich vorstellen das dies vor über 20 Jahren geschah
und in Holland obendrein; damals war die Wissenschaft nicht
so weit wie heute. Heute weiß man das eine manische
Depression zu den Stoffwechselkrankheiten gehört, wie
Diabetes, und das es KEINE psychische Erkrankung ist. In
meinem Kopf fehlt nur ein einziges kleines Salz*; Lithium.
Nachdem ich zwei Jahre in der Klinik war, bin ich abgehauen;
ich wollte mein Leben nicht als Zombie verbringen - ich
hatte immer noch Träume, die ich wahr machen wollte.
Einmal aus der Klinik, habe ich mein Leben selbst in die
Hand genommen und das ohne Tabletten. Ständig habe ich auf
mich acht gegeben und hinter mir geschaut; soll doch keiner
mitkriegen dass ich geisteskrank bin. Und jedes Mal die
Rückfälle; ein Schritt vor und zwei zurück. Kaum einen Plan
verwirklicht und schon wieder lag ich in der Klinik mit
durchgeschnittene Pulsadern.
So ging mein Leben weiter; ständig wollte ich meine Umwelt
beweisen das ich völlig normal bin und zerbrach das ein auf
das andere mal an meiner eigenen Krankheit. Mittlerweile
habe ich eine kaputte Ehe hinter mir und vor gut zwei Jahren
merkte ich das auch meine zweite Ehe auf dem Weg zum
scheitern ist.
Da habe ich mir dann ein Herz gefasst und bin zum
Psychiater; der Spuk sollte ein Ende haben. Der Arzt war
lieb und ich vertraute ihn sofort und nach den nötigen
Blutuntersuchungen und Hirntests, konnte er die Diagnose
manische Depression bestätigen. Allerdings erzählte er mir
auch was man in den letzten 20 Jahren entdeckt hat über
diese Krankheit; ich war nie geisteskrank - nur ein winziges
Salz* fehlte meinem Körper. Durch die genetische Veranlagung
wird dies in meinem Körper einfach nicht produziert. Was
sagt man denn dazu? Ich rannte nach Hause und war euphorisch
und erzählte meinem Matthias davon und bereits am Abend nahm
ich erwartungsvoll die erste Tablette.
Bereits am nächsten Morgen wollte ich von im wissen ob ER
schon etwas an mir merkt. Fünf Tage ging das so und ich
zweifelte bereits an den Tabletten und dann....
Dann kam Tag sechs. Ich erwachte und fühlte mich anders?
Frei? Ich konnte meinem Gefühl keinen Namen geben; mein
Leben war einfach anders. Ich war lockerer im Umgang und sah
nicht hinter jeder Tür Gefahr. Von Tag zu Tag wurde ich
freier und meine Ehe schien fast gerettet. Wir hofften beide
auf einen Neu-Anfang. Dann, nach einem Jahr, kam das was ich
nicht wahrhaben wollte: der Rückschlag. Ich habe Mann, Haus,
Geschäft und Freunde zurückgelassen und bin geflohen.
Schon nach drei Wochen habe ich gemerkt das ich einen
riesigen Fehler gemacht habe und wollte zu meinem Mann
zurück. Er blieb hart, machte mit Vorwürfe und ich war am
Boden zerstört. Ein ganzes Jahr lang habe ich jetzt kämpfen
müssen. Davon habe ich mich 6 Monate meiner Depression
hingegeben und habe die Tabletten gesammelt. Irgendwann
hatte ich dann 400 Stück zusammen. Das war vor sechs Monate.
Seid 10 Wochen sind mein Bär und ich wieder zusammen; wir
wohnen jetzt zwar getrennt, aber wir haben es schöner als
wir es den letzten 12 Jahren jemals hatten.
Dadurch das wir nicht mehr unter einem Dach wohnen, fühle
ich nicht mehr soviel Leistungsdruck und kann leichter mit
kleinen Rückschlägen umgehen. Wir sehen uns jeden Tag, aber
ich kann jetzt auch mal sagen dass ich mal 2 Tage für mich
brauche. Ich habe entdeckt, daß es mir besser geht und ich
wieder zu mir selbst finden kann, wenn ich mal alleine für
mich sein kann.
Mit meinen Tabletten und mein halbes Singleleben, habe ich
für mich die ideelle Form gefunden um mit meiner manischen
Depression umzugehen. Was ich aber bis heute nicht vergessen
kann, ist die Tatsache, dass ich über 20 Jahre geglaubt habe
geisteskrank zu sein und es nicht war. Da kann ich den
Ärzten in Holland nur noch verachten.
Letztes Wort zu manisch-depressiven in Holland:
Seid letztes Jahr gibt es dort ein neues Gesetz; sollte
jemand aus dem Umfeld eines Patienten finden, das es
schlecht mit diesem geht, so kann der Patient jetzt
jederzeit und gegen seinen Willen in einer psychiatrischen
Klinik eingewiesen werden für 3 Wochen Beobachtungszeit.
Daher bezieht sich meine Bewertung nicht nur auf die
Krankheit selbst, sonder auch die mittelalterliche
Behandlungsweise, die man in Holland inner noch praktiziert.
Copyright Ilonka Liska, 2002 |