Die Bipolare Störung
Manisch-depressive Krankheit
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Die manisch-depressiven Erkrankungen (bipolaren Störungen) -
kurzer geschichtlicher Rückblick

Prof. Dr. med. Peter Bräunig
Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und Psychosomatik Chemnitz

Bis zu ihrer Etablierung in psychiatrischen Diagnosenmanualen und Klassifikationssystemen in der heute gültigen Form hatten die bipolaren Störungen einen wechselvollen Weg zurückzulegen. Manche der heute bestehenden diagnostischen Probleme werden besser verständlich, wenn man sich den historischen Forschungshintergrund der manisch-depressiven Erkrankung vergegenwärtigt, der erkennen lässt, in welchem Masse sich die Regeln klinisch-psychiatrischer Diagnostik und die Diagnostiziergewohnheiten der Nervenärzte im Verlaufe der Zeit verändert haben. Noch vor 50 Jahren vertraten namhafte Psychiater die Auffassung, bipolare Erkrankungen seien ausserordentlich selten und kämen bei weit weniger als 1 % der Bevölkerung vor. Die Schätzungen erfahrener Experten konnten den Befunden der wissenschaftlichen Epidemiologie jedoch nicht standhalten. Heute weiss man, dass 3-6 % der Erwachsenenbevölkerung unter Erkrankungen des manisch-depressiven Spektrums leiden.
90 % der Betroffenen entwickeln Rezidive und 20 % sterben durch Suizid. Der Suizid zählt bei Erwachsenen bis zum 40. Lebensjahr zu den drei häufigsten Todesursachen.
Das mittlere Manifestationsalter der manisch-depressiven Krankheit liegt zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, allerdings erkranken etwa 20 % der bipolaren Patienten bereits vor Vollendung des 20. Lebensjahres. Immerhin vergehen nach der Ersterkrankung im Durchschnitt 8-10 Jahre, bis schliesslich die zutreffende Diagnose gestellt wird und die Patienten einer störungsspezifischen Therapie zugeführt werden können. Darin kommt zum Ausdruck, dass die Diagnostik bipolarer Erkrankungen noch immer mit erheblichen Problemen verbunden ist, die sich nachteilig auf eine frühzeitige und effektive Therapie auswirken.

Obwohl die manisch-depressive Krankheit (bipolare Störung) bereits 1851 von dem französischen Psychiater Falret unter der Bezeichnung "Folie circulaire" beschrieben worden war, taten sich die Nervenärzte in den darauf folgenden Epochen ausserordentlich schwer, zu einer allgemein anerkannten Definition zu kommen.

Vor der Jahrhundertwende gab es in Deutschland zahlreiche sich inhaltlich überlappende Konzepte für zirkuläre, periodische bzw. phasische Psychosen und eine Verwirrung stiftende Besonderheit bestand darin, dass sich in Abhängigkeit vom "Einzugsgebiet" einflussreicher Fachvertreter und Meinungsbildner voneinander abweichende Nomenklaturen und Terminologien für die zur "zirkulären Gemütserkrankung" zu rechnenden psychischen Störungen entwickelten. Der damaligen Unübersichtlichkeit der psychiatrischen Klassifikationen schaffte der bedeutende deutsche Psychiater Emil Kraepelin Abhilfe, indem er alle Gemütserkrankungen unabhängig von ihrer polaren Ausrichtung und von ihrem Schweregrad zu einer grossen Krankheitsgruppe, die er "Manisch-depressives Irresein" nannte, zusammenfasste. Angefangen von den Temperamentsvariationen nahen leichteren affektiven Störungen - Zyklothymie und Dysthymie - bis hin zu den Melancholien und Manien mit psychotischen Merkmalen hatte Kraepelin ein weites Spektrum klinischer Bilder als "Erscheinungsformen eines einzigen Krankheitsvorganges" erkannt und zusammen gefügt. Aus heutiger Sicht bestand eine Besonderheit der Auffassung Kraepelins darin, unipolare und bipolare affektive Erkrankungen nicht voneinander zu trennen.

Kraepelins Konzept des manisch-depressiven Irreseins setzte sich in der klinischen Psychiatrie zunächst durch, was sich in den entsprechenden Kapiteln der bedeutendsten zwischen 1900 und 1940 erschienenen Lehr- und Handbücher nachlesen lässt.

Eine weitere innovative Leistung auf dem Gebiet der affektiven Erkrankung verbindet sich mit dem Namen des grossen Tübinger Psychiaters Ernst Kretschmer, auf den die heute vor allem im angloamerikanischen Sprachraum ausserordentlich populäre Idee vom manisch-depressiven Spektrum zurückgeht. Die Spektrumshypothese besagt, dass sich die bipolaren Erkrankungen von den schweren, mit psychotischen Merkmalen einhergehenden zirkulären Emotionspsychosen bis hin in die normalen Variationen des Temperaments - zyklothymes oder zykloides Temperament - verdünnen (zyklothyme Temperamente sind durch Stimmungsschwankungen im Sinne von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt gekennzeichnet).

Nach 1945 kam es jedoch in der deutschen Psychiatrie zu einem Paradigmenwechsel, der beinhaltete, dass alle schweren Gemütserkrankungen, insbesondere jene, die mit psychotischen Symptomen einher gehen, dem Spektrum der als "Schizophrenie" bezeichneten psychotischen Störungen zugeordnet wurden. Diese Sichtweise führte dazu, dass viele Patienten mit schweren Melancholien, Manien und vor allem mit manisch-depressiven Mischzuständen immer dann, wenn, und sei es nur vorübergehend, psychotische Symptome wie z. B. Wahnvorstellungen oder Halluzinationen vorgekommen waren, die Diagnose Schizophrenie erhielten und entsprechend behandelt wurden.

Nach richtungweisenden Forschungsergebnissen, die zwischen 1950 und 1980 erarbeitet wurden und die zu einer Differenzierung der rezidivierenden Depressionszustände von der bipolaren manisch-depressiven Erkrankung einerseits führte und zu einer ebenso klaren Abgrenzung der Gemütserkrankungen von den Schizophrenien, hat die Forschung über bipolare Erkrankungen erst in den vergangenen 15 Jahren den erforderlichen Schwung erhalten, der für eine stärkere Wirksamkeit hinein in breitere Kreise der Ärzteschaft und in die aufgeschlossene Öffentlichkeit erforderlich ist. Seither wurden zahlreiche weiterführende neuro-biologische, diagnostische und therapeutische Erkenntnisse über bipolare Erkrankungen gewonnen, die nunmehr auch den Patienten und ihren Angehörigen zugute kommen.

Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gestellt. Eine wesentliche Voraussetzung für die in den vergangen Jahren erzielten therapeutischen Fortschritte war die Vereinheitlichung der Diagnostik. Die für alle Ärzte verbindliche 10. Revision der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen der WHO (ICD 10) hat die "Schulmeinungen" abgelöst, damit wurde eine entscheidende Voraussetzung für eine qualitätsgerechte Behandlung von Patienten mit bipolaren Erkrankungen geschaffen.

 

Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Autors (01/2003)

 

 
 
 

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