Bis zu ihrer Etablierung in
psychiatrischen Diagnosenmanualen und
Klassifikationssystemen in der heute gültigen Form
hatten die bipolaren Störungen einen wechselvollen
Weg zurückzulegen. Manche der heute bestehenden
diagnostischen Probleme werden besser verständlich,
wenn man sich den historischen Forschungshintergrund
der manisch-depressiven Erkrankung
vergegenwärtigt,
der erkennen lässt, in welchem Masse sich die Regeln
klinisch-psychiatrischer Diagnostik und die
Diagnostiziergewohnheiten der Nervenärzte im
Verlaufe der Zeit verändert haben. Noch vor 50
Jahren vertraten namhafte Psychiater die Auffassung,
bipolare Erkrankungen seien ausserordentlich selten
und kämen bei weit weniger als 1 % der Bevölkerung
vor. Die Schätzungen erfahrener Experten konnten den
Befunden der wissenschaftlichen Epidemiologie jedoch
nicht standhalten. Heute weiss man, dass 3-6 % der
Erwachsenenbevölkerung unter Erkrankungen des
manisch-depressiven Spektrums leiden.
90 % der Betroffenen entwickeln Rezidive und 20 %
sterben durch Suizid. Der Suizid zählt bei
Erwachsenen bis zum 40. Lebensjahr zu den drei
häufigsten Todesursachen.
Das mittlere Manifestationsalter der
manisch-depressiven Krankheit liegt zwischen dem 20.
und 30. Lebensjahr, allerdings erkranken etwa 20 %
der bipolaren Patienten bereits vor Vollendung des
20. Lebensjahres. Immerhin vergehen nach der
Ersterkrankung im Durchschnitt 8-10 Jahre, bis
schliesslich die zutreffende Diagnose gestellt wird
und die Patienten einer störungsspezifischen
Therapie zugeführt werden können. Darin kommt zum
Ausdruck, dass die Diagnostik bipolarer Erkrankungen
noch immer mit erheblichen Problemen verbunden ist,
die sich nachteilig auf eine frühzeitige und
effektive Therapie auswirken.
Obwohl die manisch-depressive
Krankheit (bipolare Störung) bereits 1851 von dem
französischen Psychiater Falret unter der
Bezeichnung "Folie circulaire" beschrieben worden
war, taten sich die Nervenärzte in den darauf
folgenden Epochen ausserordentlich schwer, zu einer
allgemein anerkannten Definition zu kommen.
Vor der Jahrhundertwende gab es in
Deutschland zahlreiche sich inhaltlich überlappende
Konzepte für zirkuläre, periodische bzw. phasische
Psychosen und eine Verwirrung stiftende Besonderheit
bestand darin, dass sich in Abhängigkeit vom
"Einzugsgebiet" einflussreicher Fachvertreter und
Meinungsbildner voneinander abweichende
Nomenklaturen und Terminologien für die zur
"zirkulären Gemütserkrankung" zu rechnenden
psychischen Störungen entwickelten. Der damaligen
Unübersichtlichkeit der psychiatrischen
Klassifikationen schaffte der bedeutende deutsche
Psychiater Emil Kraepelin Abhilfe, indem er alle
Gemütserkrankungen unabhängig von ihrer polaren
Ausrichtung und von ihrem Schweregrad zu einer
grossen Krankheitsgruppe, die er
"Manisch-depressives Irresein" nannte,
zusammenfasste. Angefangen von den
Temperamentsvariationen nahen leichteren affektiven
Störungen - Zyklothymie und Dysthymie - bis hin zu
den Melancholien und Manien mit psychotischen
Merkmalen hatte Kraepelin ein weites Spektrum
klinischer Bilder als "Erscheinungsformen eines
einzigen Krankheitsvorganges" erkannt und zusammen
gefügt. Aus heutiger Sicht bestand eine Besonderheit
der Auffassung Kraepelins darin, unipolare und
bipolare affektive Erkrankungen nicht voneinander zu
trennen.
Kraepelins Konzept des
manisch-depressiven Irreseins setzte sich in der
klinischen Psychiatrie zunächst durch, was sich in
den entsprechenden Kapiteln der bedeutendsten
zwischen 1900 und 1940 erschienenen Lehr- und
Handbücher nachlesen lässt.
Eine weitere innovative Leistung
auf dem Gebiet der affektiven Erkrankung verbindet
sich mit dem Namen des grossen Tübinger Psychiaters
Ernst Kretschmer, auf den die heute vor allem im
angloamerikanischen Sprachraum ausserordentlich
populäre Idee vom manisch-depressiven Spektrum
zurückgeht. Die Spektrumshypothese besagt, dass sich
die bipolaren Erkrankungen von den schweren, mit
psychotischen Merkmalen einhergehenden zirkulären
Emotionspsychosen bis hin in die normalen
Variationen des Temperaments - zyklothymes oder
zykloides Temperament - verdünnen (zyklothyme
Temperamente sind durch Stimmungsschwankungen im
Sinne von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt
gekennzeichnet).
Nach 1945 kam es jedoch in der
deutschen Psychiatrie zu einem Paradigmenwechsel,
der beinhaltete, dass alle schweren
Gemütserkrankungen, insbesondere jene, die mit
psychotischen Symptomen einher gehen, dem Spektrum
der als "Schizophrenie" bezeichneten psychotischen
Störungen zugeordnet wurden. Diese Sichtweise führte
dazu, dass viele Patienten mit schweren
Melancholien, Manien und vor allem mit
manisch-depressiven Mischzuständen immer dann, wenn,
und sei es nur vorübergehend, psychotische Symptome
wie z. B. Wahnvorstellungen oder Halluzinationen
vorgekommen waren, die Diagnose Schizophrenie
erhielten und entsprechend behandelt wurden.
Nach richtungweisenden
Forschungsergebnissen, die zwischen 1950 und 1980
erarbeitet wurden und die zu einer Differenzierung
der rezidivierenden Depressionszustände von der
bipolaren manisch-depressiven Erkrankung einerseits
führte und zu einer ebenso klaren Abgrenzung der
Gemütserkrankungen von den Schizophrenien, hat die
Forschung über bipolare Erkrankungen erst in den
vergangenen 15 Jahren den erforderlichen Schwung
erhalten, der für eine stärkere Wirksamkeit hinein
in breitere Kreise der Ärzteschaft und in die
aufgeschlossene Öffentlichkeit erforderlich ist.
Seither wurden zahlreiche weiterführende
neuro-biologische, diagnostische und therapeutische
Erkenntnisse über bipolare Erkrankungen gewonnen,
die nunmehr auch den Patienten und ihren Angehörigen
zugute kommen.
Vor die Therapie haben die Götter
die Diagnose gestellt. Eine wesentliche
Voraussetzung für die in den vergangen Jahren
erzielten therapeutischen Fortschritte war die
Vereinheitlichung der Diagnostik. Die für alle Ärzte
verbindliche 10. Revision der Internationalen
Klassifikation der Erkrankungen der WHO (ICD 10) hat
die "Schulmeinungen" abgelöst, damit wurde eine
entscheidende Voraussetzung für eine
qualitätsgerechte Behandlung von Patienten mit
bipolaren Erkrankungen geschaffen.