Wenn Ordensleute
an der bipolaren Störung erkranken
Ratschläge eines betroffenen
Benediktinerpaters aus den USA
Man rechnet dass in den
USA ca. 5,7 Millionen Erwachsene, d.h. 2,6 % der
Bevölkerung über 18 Jahren an der bipolaren
Störung leiden. Da ist es mehr als verständlich,
dass diese Krankheit auch in
Ordensgemeinschaften vorkommt. Meist wird aber
darüber nicht gesprochen. Die Betroffenen leiden
still vor sich hin und finden oft wenig
fachliche Hilfe bei der Bewältigung ihres
Leidens. Der im Kloster von Lacey lebende Mönch
Benedict Auer hat in verschiedenen Artikeln
seine eigene Krankheit beschrieben und dabei
wertvolle Ratschläge für Ordensgemeinschaften
gegeben, in denen von dieser Krankheit
betroffene Personen leben.
Pater Benedict Auer ist
im Alter von 36 Jahren in die benediktinische
Gemeinschaft eingetreten. Er wusste damals noch
nichts von seiner Krankheit. Zwar hatte er in
seiner Jugend Hochs und Tiefs erlebt, sie
schienen aber mit seinem Temperament zusammen zu
hängen. Er galt als ein begeisterter Lehrer, der
manchmal über Stränge schoss. Schon vor seinen
Eintritt in den Orden besuchte er täglich den
Gottesdienst und so schien es ihm das
natürlichste der Welt zu sein, sein Leben ganz
in den Dienst Gottes zu stellen. Während des
Noviziats kam es dazu, dass er eine Zeitlang die
Kontrolle über sein Gemüt verlor, doch opferte
er dies auf. Für ihn war das Noviziat „Gottes
Territorium". Was immer auch kommen wollte, er
sah seinen Ordensweg klar vor sich. Ein
Psychiater erklärte ihm später, dass sein
Entscheid in den Orden einzutreten, ihm
wahrscheinlich das Leben gerettet habe. „Sie
könnten heute tot sein entweder durch Selbstmord
oder Alkoholismus". Aber die erste Gemeinschaft
in der er lebte, bemerkte nichts von seinen
Gemütsschwankungen, die immer intensiver wurden.
Zwischenzeitlich war
Pater Benedict Verantwortlicher für die Aufnahme
neuer Ordensmitglieder geworden, nebst seinem
täglichen Pensum als Lehrer und den
Gottesdiensten in auswärtigen Pfarreien. Jede
zweite Woche feierte er tägliche Gottesdienste
an verschiedenen Orten. Sein Arbeitspensum war
vollgepackt, nebst der Teilnahme am
benediktinischen Tagesablauf im heimatlichen
Kloster. Nach fünf Jahren wurde die Last derart
groß, dass er innerlich zusammenbrach, ohne es
aber nach außen zeigen zu wollen. Nach einer
manischen Phase, mit ausgedehnten Fahrradtouren
als Ausgleich, fiel der Ordensmann in eine tiefe
Depression. Seine Schwankungen wurden immer
heftiger. Er fand dies immer noch „normal" und
es gelang ihm sein Unwohlsein geschickt vor
seinen Mitbrüdern zu verstecken. Bis zu diesem
Zeitpunkt hatte niemand sein krankhaftes
Verhalten bemerkt.
Dann wurde Pater
Benedict Auer in ein anderes Kloster versetzt.
Hier fiel sein besonderes Verhalten bald auf.
Trotzdem sich der eifrige Ordensmann bemühte,
sein Gemüt im Zaum zu halten, bemerkte die
Ordensgemeinschaft und er selbst, dass etwas
nicht stimmte und dass er Hilfe benötigte. Sein
Abt drängte ihn leiser zu treten. Er sandte ihn
nach England, wo er studieren und sich vom
Schulbetrieb ausruhen sollte. Eine Linderung
trat ein, aber nur bis er wieder an seinen
Arbeitsplatz zurückkehrte. Benedict Auer fiel in
die früheren Verhaltensmuster zurück. Inzwischen
war er 60 Jahre alt geworden. Es war die
Kommunität, die ihm riet einen Psychiater
aufzusuchen. Pater Benedict willigte ein und
suchte den ihm vorgeschlagenen Arzt auf. Dieser
brauchte eine Viertelstunde, um ihm die richtige
Diagnose zu stellen: Bipolare Störung und
Posttraumatisches Syndrom (PTS). Welch eine
Erleichterung. Endlich hatten seine
unerklärbaren Stimmungsschwankungen einen Namen.
Sofort begann die Einnahme der stabilisierenden
Medikamente, die seine Schwankungen
kontrollierbar machten.
Als wesentliches Element
seines Heilungsprozesses bezeichnet Pater
Benedict Auer heute die Aufmerksamkeit seiner
Mitbrüder, die seine Stimmungsschwankungen
bemerkt und ihn darauf aufmerksam gemacht hatten.
Auch hatte die Kommunität ihm einen
vertrauenswürdigen Psychiater vorgeschlagen und
ihn bei der eher peinlichen Suche nach einem
Arzt nicht allein gelassen.
Heute ist er sich
bewusst, dass er beide Kommunitäten mit seinem
Verhalten „terrorisiert" hatte und ihnen seinen
eigenen Rhythmus aufzwang. Letztere Kommunität
war aber wachsamer gewesen und hatte in
brüderlicher Liebe sein Fehlverhalten kritisiert
und eine konkrete Lösung vorgeschlagen.
Aufgrund seiner eigenen
Erfahrungen schlägt Pater Benedict Auer einige
Punkte vor, die bei Ordensgemeinschaften
berücksichtigt werden können, wenn die Vermutung
aufkommt, dass ein Mitglied der
Ordensgemeinschaft an dieser Krankheit leitet:
1. Es ist angeraten,
dass die ganze Kommunität wachsam ist und nach
möglichen Symptomen Ausschau hält. Es können
dies depressive Phasen sein oder Zeiträume von
Antriebslosigkeit. Dann auch Phasen von
Hyperaktivität, von vermindertem Schlafbedürfnis,
Klagen über Schlaflosigkeit. Zu beobachten sind
dabei auch überschnelles oder überhastiges
Sprechen, das Planen von übertriebenen Projekten,
in kaum einzuhaltenden Zeiträumen, etc. Pater
Benedict verfasste damals seine Dissertation von
260 Seiten in nur drei Wochen.
2. Die Regel Benedikts
enthält einen Abschnitt der „senpectae" genannt
wird. Dieser tritt in Kraft, wenn ein Mitbruder
in große Schwierigkeiten gerät
(Kapitel 27:
Die Sorge des Abtes für die Ausgeschlossenen 1.
Mit größter Sorge muss der Abt sich um die
Brüder kümmern, die sich verfehlen, denn nicht
die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die
Kranken. 2. Daher muss der Abt in jeder Hinsicht
wie ein weiser Arzt vorgehen. Er schicke
Senpekten, das heißt ältere weise Brüder).
Diese Vertrauensperson des Abtes, aus den
Kreisen seiner Mitbrüder, kann dem Betroffenen
helfen, die Krankheit zu erkennen und einen Arzt
zu finden. Erst im Alter von 60 Jahren war die
Krankheit bei Pater Benedict erkannt worden.
Obwohl er sich völlig überfordert hatte, war in
seiner ersten Kommunität keiner seiner Mitbrüder
darauf aufmerksam geworden, wohl aber in der
zweiten. Auch ihm selbst gelang es nicht sein
Fehlverhalten einzuordnen. Als der Abt aber ihn
darauf aufmerksam machte, war er bereit seinem
Rat zu folgen.
3. Jede Kommunität
sollte eine psychologisch geschulte
Vertrauensperson kennen und Kontakt zu ihr
pflegen. Durch die Tatsache, dass die zweite
Ordensgemeinschaft einen Psychiater ihres
Vertrauens kannte, war es menschlich
erträglicher, diese im Krisenfall aufzusuchen.
Pater Auer bemerkt dazu, dass es für ihn
unangenehm gewesen wäre, hätte er selbst über
das Adressbuch einen Psychiater suchen müssen.
Auch wenn der angesprochene Arzt nicht die
nötigen Kenntnisse der bipolaren Störung besitzt,
so bricht er das Eis und kann erste Hilfe
leisten. Dieses Vorgehen verlangt eine große
Vertrauensbasis innerhalb der Gemeinschaft. Im
Mittelpunkt steht dabei der Abt des Klosters.
Der Ordensgründer, Benedikt von Nursia, sagte
dabei: Es sollen zwischen dem Abt und seinen
Mönchen keine Geheimnisse bestehen.
4. Eine zweite fachliche
Meinung ist von Vorteil. Als sein Abt ihn bat in
das St. Luke-Institut von Maryland zu gehen, war
Pater Benedict nicht besonders glücklich. Erst
als sein Psychiater ihn dazu ermunterte,
willigte er ein. Dort wurde die Diagnose
bestätigt und auch die Art der Medikamente, die
ihm verschrieben worden waren. Sein Verbleib in
St. Luke bestätigte ihm die guten Absichten
seiner Kommunität und ihre Sorge um sein
Wohlergehen.
5. Der Ordensobere und
die Kommunität sollten sich nie durch den
Betroffenen in „Geiselhaft" nehmen lassen. Die
Bipolare Störung ist eine Krankheit. Wenn ein
Mitglied der Kommunität an Krebs oder Diabetes
leidet, werden seine Mitbrüder alles dafür tun,
damit er würdig leben kann. Dies bedeutet aber
nicht, dass das gemeinschaftliche Leben dem
Diktat des Kranken untergeordnet werden soll.
Oft aber finden wir bei bipolar Erkrankten, dass
ihr Verhalten unangemessen ist. Die
Stimmungsschwankungen können sich unangenehm
bemerkbar machen, durch harsche Kritik und
unangemessene, verbale Angriffe auf die
Mitbrüder. Wie in der Schule müssen aber
Betroffene unmissverständlich zu angepasstem
Verhalten angewiesen werden. In den manischen
Phasen spricht der bipolar veranlagte Mensch oft
unreflektiert, bevor er überhaupt denkt. Das
Resultat kann oft verheerend sein.
6. Der bipolar
veranlagte Mensch zeichnet sich oft durch eine
überdurchschnittliche Kreativität aus. Er hat
vielfältige Talente. Wird sein Gemüt durch
stabilisierende Medikamente geregelt, kann er
Phänomenales wirken. Trotz den Medikamenten
bleibt er kreativ. Wenn das Mitglied der
Kommunität regelmäßig die verschriebenen
Stimmungsstabilisatoren einnimmt, gliedert er
sich gut in die Gemeinschaft ein, oft sogar
besser, als dies vor der erfolgten Diagnose der
Fall war. Denn sein Fehlverhalten war ein Teil
seines Krankheitsbildes. Pater Benedict Auer
fragte sich oft, was aus ihm geworden wäre,
hätte man die richtige Diagnose seiner Krankheit
schon im Alter von 14 Jahren gestellt. Aber
damals existierten kaum Medikamente dafür.
7. Eine Gemütskrankheit
ist nichts dessen man sich schämen muss. Weder
für den Betroffenen, noch für die Gemeinschaft
in der er lebt. Früher ging kaum jemand zum
Psychiater. Es war beschämend, wenn jemand
dorthin musste. Heute aber ist der Besuch bei
einem Facharzt für Psychiatrie oder einem
Psychotherapeuten eine Entlastung, damit der
Betroffene normal und erfüllt in der
Gemeinschaft leben kann.
Benediktinerpater B.
Auer beleuchtet in seinem Artikel das Leben
eines bipolar kranken Menschen aus der Sicht des
Betroffenen, in Bezug auf sein eigenes Leben in
der Ordensgemeinschaft, aus seiner langjährigen
Erfahrung heraus. Er betont, dass der Mensch mit
bipolarer Störung Hilfe sucht, jedoch meist
nicht den Mut hat, diese zu erbitten. So muss
die Ordensgemeinschaft ihm entgegen kommen, um
die missliche Lage zu regeln, damit dieser
Mensch fruchtbringend in der Gemeinschaft wirken
kann.
Eine andere Frage stellt
sich in diesem Zusammenhang. Soll ein Mensch,
der nachweislich an dieser Gemütskrankheit
leidet, in eine Ordensgemeinschaft aufgenommen
werden? Dies ist eine vielschichtige Frage.
Pater Auer drängt hier auf die Tatsache, dass
der Betroffene gewillt sein muss, der Diagnose
in die Augen zu schauen. Er muss bereit sein,
das Faktum der bipolaren Erkrankung zu
akzeptieren, mit der Notwendigkeit der
angepassten, medizinischen Versorgung. Dabei
muss die Ordensgemeinschaft sich auch bewusst
sein, dass ein möglicher Aufenthalt in einer
Klinik denkbar und auch bezahlbar sein muss. Die
Gemeinschaft muss sich der Rahmenbedingungen
bewusst sein, die bei der Aufnahme einer
gemütskranken Person zu berücksichtigen sind.
Abschließend betont
Pater Auer die Herausforderung dieser Krankheit
für eine Ordensgemeinschaft mit den folgenden
Worten:
„Ich bin der
Überzeugung, dass ein Ordensmitglied mit
bipolarer Störung eine Bereicherung für die
religiöse Gemeinschaft darstellt, wenn beide
Seiten, die Kommunität wie auch der Betroffene
sich bemühen, diese Krankheit zu verstehen und
gemeinsam darauf hinwirken, ausgewogene und
strukturierte Abläufe zu planen, die Stabilität
für das Leben in der Gemeinschaft und für das
betroffene Ordensmitglied bieten".
Autor des englischen
Originaltextes: P. Benedict Auer O.S.B.
Deutschsprachige Zusammenfassung: Manfred
Ferrari