"Dat war richtijes Auffangen . .
." Einblick in den Alltag der
Werkstatt an der Schanz: Carsten Segendorf hat
wieder Sicherheit
Seit Carsten Segendorf die
Druckdosen zusammenbaut, die in
Gasthermen eingesetzt werden,
gibts keine Reklamationen mehr.
Foto: Privat
Carsten Segendorf
schafft seit gut drei Jahren in der Werkstatt an
der Schanz. Dort fühlt er sich aufgehoben, ist
gut in seinem verantwortungsvollen Job: Die
Arbeit hat wieder Sinn in sein Leben gebracht.
Münsingen Wenn Carsten
Segendorf von seinem Leben erzählt, dann kann er
seine Berliner Herkunft nicht verbergen. Mit
trockenem Humor und typischer "Schnauze"
berichtet er aus seinem Leben, das 1961 in
Ostberlin begonnen hat. Flaschner hatte er in
der DDR gelernt und dann einen Antrag auf
Ausreise gestellt. Nachdem dieser abgelehnt
worden war, wollte er so "rübermachen", wurde
aber beim Versuch einfach über die Grenze zu
marschieren aufgegriffen und wegen "versuchter
Republikflucht" verhaftet. "Ich hatte eigentlich
gedacht, die knallen mich einfach ab", erinnert
er sich.
Drei Jahre Haft in diversen Zuchthäusern waren
die Strafe, die der SED-Staat ihm aufbürdete.
"In dieser Zeit habe ich gelernt, was Hunger
ist", sagt er heute und man hört noch die
Verbitterung aus seinen Worten. In die
Bundesrepublik abgeschoben wurde er dann 1988
nicht weil er seine Haft verbüßt hatte, sondern
weil er an Krebs erkrankte und die Behandlung
dem DDR-Staat zu teuer erschien. So landete er
schließlich in Tübingen. "Von dort aus, bin ich
immer der Arbeit hinterherjezogen." Als dann
sein damaliger Arbeitgeber Kurzarbeit anmelden
musste und Carsten Segendorf 14 Tage arbeitslos
war, sah er sich interessehalber mal in der
Gastronomie um. Und fand Geschmack daran.
Zunächst als Stellvertretender Leiter eines
Schnellimbisses, dann als selbständiger
Unternehmer. Allerdings ging er mit der Kantine,
die er in einem Arbeitsamt betrieb, nach knapp 3
Jahren pleite. "Da gings in meinem Leben richtig
schnell bergab." Ein erster Nervenzusammenbruch
war die Folge. "Aber ich war noch nicht bereit
mich psychologisch betreuen zu lassen, dachte,
das schaff ich noch alleine." Als sich dann auch
noch seine Frau von ihm trennte, fühlte er aber
überhaupt keinen Halt mehr und versuchte sich
das Leben zu nehmen.
Von der Rentenversicherungsanstalt bekam er
daraufhin das Angebot, sich in einer betreuten
Werkstatt umzuschauen, da er mit der Diagnose
"manisch-depressiv" auf dem ersten Arbeitsmarkt
kaum mehr Aussicht habe, eine Anstellung zu
finden.
So gelangte er im Mai 2005 in die zu diesem
Zeitpunkt gerade eröffnete Abteilung "Metall und
Montage" der Werkstatt an der Schanz in
Münsingen. "Dat war richtijes Auffangen, wat ihr
hier jemacht habt!" Von Anfang an habe er sich
dort wohl gefühlt, vor allem dank der
Mitarbeiter, die damals wie heute immer ein
offenes Ohr für "meine Problemchen" hatten,
betont Segendorf: "Wenn ihr nicht gewesen wärt,
hätte ich mir sicherlich mal nen Strick
genommen."
Wenngleich es ihm schwer fiel, mit dem Gefühl
klar zu kommen, von der vormaligen
Selbständigkeit nun in ein abhängiges
Beschäftigungsverhältnis geraten zu sein, so
spürte er doch schnell, wie ihm der geregelte
Tagesablauf wieder Sicherheit gab und "wie ich
wieder Rhythmus in mein Leben reinbekommen hab".
Und auch wie die Arbeit wieder Sinn in das Leben
brachte.
In der MeMo (wie die Abteilung Metall & Montage
meist kurzerhand genannt wird) hat Carsten
Segendorf schon so ziemlich alles gemacht, was
dort an Arbeiten angeboten werden kann. Und je
anspruchsvoller die Aufgabe wurde, um so besser
habe er sich dabei gefühlt; und man spürt, wenn
er das sagt, wie er wieder Vertrauen gefasst hat
in sich. Mittlerweile baut er Druckdosen
zusammen, die in Gasthermen eingesetzt werden.
Eine fehleranfällige Tätigkeit, die früher immer
wieder zu Reklamationen des Kunden geführt
hatte. Seit Carsten Segendorf dafür zuständig
ist gehören Beanstandungen aber der
Vergangenheit an.
Die Arbeit habe er sich selbst ausgesucht,
berichten auch die Mitarbeiter der MeMo. Und
sind immer wieder erstaunt wie selbständig er
dies alles erledigt. Er verlötet Platinen,
montiert Federn und Membrane, führt die
Qualitätskontrolle durch, verpackt die fertigen
Produkte und koordiniert so ganz nebenbei auch
noch die Aufträge und die Lagerhaltung dafür.
Und wenn mal Überstunden anfallen müssen und er
länger im Betrieb bleibe, dann mache ihm das
auch nichts aus. Ein Arbeitnehmer also, wie ihn
sich jedes Unternehmen nur wünschen kann. Den
Schritt nach draußen, in ein reguläres
Arbeitsverhältnis traut er sich aber bislang
nicht zu. So stabil fühle er sich noch nicht,
auch wenn er mittlerweile öfters darüber
nachdenke als noch vor einem Jahr.
Seine Depressionen habe er zur Zeit im Griff,
auch dank der Medikamente, die er nun regelmäßig
einnehme, aber "Ich habe immer noch Angst vor
mir selber." Dass er so gut arbeite sei auch dem
speziellen Arbeitsklima in der MeMo geschuldet,
wo man sich einfach wohl fühlen müsse. Nie habe
er das Gefühl sich unter Wert zu verkaufen, wohl
aber werde er unter Wert bezahlt. "Dass wir bei
dem, was wir hier leisten, noch von
Grundsicherung leben müssen, ist traurig."
Letztlich sei er aber doch immer wieder positiv
erstaunt: "Wie gut hier Menschen so
unterschiedlicher Charaktere und mit so
unterschiedlichen Krankheitsbildern miteinander
auskommen und dabei so Tolles leisten, dass ist
doch eigentlich Wahnsinn." jk